Das neue Ubuntu 10.04, auch bekannt unter dem Namen Ubuntu Lucid Lynx bietet sowohl eine komplett neue Optik, als auch Web-Dienste, die in den Desktop integriert sind und einen eigenen Music Store. Benutzer, die von der letzten Version mit Langzeit-Support auf 10.04 wechselten haben jedoch als einzige die großen technischen Neuerungen.
Ubuntu 10.04 LTS – die neue Distribution – wurde von Canoncial unter dem Namen Lucid Lynx mit Langzeit-Support publiziert. Auf das PC-System, zu dem auch Desktop-Systeme gehören, gibt es drei Jahre, auf das Server-System fünf Jahre lang Support. Dabei steht die System-Stabilität der in regelmäßigen Abständen von zwei Jahren erscheinenden Version mit Langzeit-Support stets im Vordergrund. Aus diesem Grund treten in den sogenannten LTS-Versionen, die eben nicht nur jede zwei Jahre einmal neu erscheinen, sondern öfters, keine großen technischen Neuerungen auf. Trotzdem erscheinen alle sechs Monate Zwischenversionen von Ubuntu, die tiefgreifende Änderungen mitbringen und die sich somit im alltäglichen Einsatz behaupten müssen.
Wie wahrscheinlich schon bekannt gibt es das Ubuntu-System in mehreren Varianten. Dazu gehören zum einen eine Desktop-, Server- und Alternate-Install-CD für 32- und 64-Bit-Systeme, zum anderen auch eine Netbook-Edition für 32-Bit-Computer. Falls ein Einsatz in der Cloud notwendig ist, steht auch ein UEC-Image (Ubuntu Enterprise Cloud) als Download zur Verfügung. Des weiteren steht die KDE-Version Kubuntu, Xubuntu mit XFCEDesktop, Edubuntu für den Gebrauch an Schulen, Ubuntu Studio für Musik- und Audio-Produzenten und die Mediacenter-Variante Mythbuntu zum Download bereit.
Optische Änderung – Keine Brauntöne
Nachdem man das Live-System von DVD oder CD gebootet hat, begegnet einem das neue Design der Distribution. Das klassische, monotone Ubuntu-Braun ist nun nicht mehr wieder zu finden. Stattdessen begegnen einem lilane Töne, die nach dem Boot-Vorgang ebenfalls auf dem Desktop wiederzufinden sind. Beim eigentlichen Boot-Vorgang der Live-CD erscheint das Boot-Menü nur bei einem beliebigen Tastendruck, was z.B. notwendig ist, wenn ein Kernel-Parameter beim Booten eingegeben werden muss. Ohne diese Tastenunterbrechung wird direkt in einer grafischen Oberfläche gestartet. Erst nach dem Aufbau dieser lässt sich Sprache und Tastaturbelegung dem System mitteilen. Aus diesen Gründen fällt der Start wesentlich schneller aus als bei dem Ubuntu-Vorgänger. Die Hardware-Erkennung funktioniert wesentlich besser als zuvor. Sie leistet sich kaum Fehler und macht daher die Eingabe zusätzlicher Parameter beim Bootvorgang nicht möglich.
Gleich nach einem Start macht man Bekanntschaft mit dem neuen Ambience-Theme des Gnome-Desktops, welches sich durch weiße Schrift auf dunklen Hintergrund auszeichnet. Bei Nichtgefallen lässt sich das Theme in den Einstellungen “Erscheinungsbild” umstellen. Zum Beispiel kann man das Radiance-Theme wählen, welches genau die invertierte Variante des Ambiance-Themes ist.
Die Anordnung der Fensterknöpfe hingegen verbreitet beim ersten Erscheinungsbild mehr Unruhe. Sie befinden sich in der Fensterleiste nun links oben in der Reihenfolge „Schließen”, „Minimieren”, „Maximieren”, wie bei Mac OS. Die in Foren kritisch betrachtete neue Design-Änderung lässt sich aber über den Gconf-Editor wieder in die gewohnte Anordnung rückgäng machen. Dazu muss der Wert des Schlüssels „apps/metacity/general/button_layout” auf “menu:minimize,maximizeclose” gesetzet werden. Als Alternative kann man auch gleich zu einem anderen Theme übergreifen, wie z.B. “Clearlooks”, “Dust Sand” oder “Neue Welle”, welche alle die Buttons rechts oben in der Fensterleiste haben.
Eine komplette Neuerung ist das MeMenu rechts oben im Panel, welches das Social Web übersichtlich in die Benutzeroberfläche des Desktops integriert. Im MeMenu kann man u.a. ICQ (AIM), IRC, Jabber, Yahoo, MSN, Google Talk und den Facebook-Chat unterbringen, damit man schnell und unkompliziert auf diese Chat-Konten zugreifen und beispielweise seinen Onlinestatus ändern kann. “Nachrichtenkonten” beschreibt dabei die Einstellungen für Dienste wie Friendfeed, Twitter, identi.ca und Statusmeldungen von Facebook. Per Eingabe in die Eingabezeile des MeMenus lassen sich direkt ohne Client-Anwendungen Statusmeldungen für alle kompatiblen Dienste online setzen. Bei Nachrichten von Kontakten erscheint ein Briefumschlag, üben den man nicht nur sein eigenes Mail-Konto einrichten, sondern auch den Chat-Client Empathy starten kann. Das dort vertretene Theme namens Ubuntu, welches Gespräche in Sprechblasen anzeigt, erscheint auf den ersten Blick zwar optisch schön, bei seltenen Chat-Gesprächen allerdings wird es schnell unübersichtlich. Über das Einstellungsmenü von Empathy lässt sich aber das Aussehen zu einem gewohnten wechseln.
Die Cloud
Das MeMenu bietet des weiteren Zugriff auf den schon in der Version 9.10 vertretenen Dienst Ubuntu One, der jede, angemeldeten Benutzer 2 GByte kostenlosen Speicher im Internet zur Verfügung stellt. Falls die zwei GBytes nicht reichen sollten, lässt sich der Online-Speicher für 8 Euro pro Monat auf 50 GByte erweitern. Die Vertragslaufzeit dabei beträgt allerdings 13 Monate, sodass die Gesamtkosten sich auf 104 Euro belaufen würden.
Die Synchronisation des besser in das System integrierten Ubuntu One-Dienstes setzt, anders als bei Ubuntu 9.10, nicht mehr voraus, dass die Dateien im Verzeichnis “~/UbuntuOne” zu liegen haben, sondern ist es mit über das Nautilus-Kontextmenü möglich jeden Ordner mit Ubuntu One zu synchronisieren. Zudem kann man sowohl die Kontakte aus Evolution, als auch Firefox-Lesezeichen in der Cloud verwalten und synchronisieren, damit sie einem immer und überall zur Verfügung stehen.Dazu muss man allerdings zunächst im Einrichtungsdialog von Ubuntu One unter Dienste das Firefox-Plugin „xul-ext-bindwood” einspielen.
Alle Kontakte, Notizen und Lesezeichnen werden vorerst in der lokalen CouchDB-Instanz gespeichert und später automatisch mit der Ubuntu-One-Datenbank synchronisiert.
Wenn man ein Ubuntu-One-Konto besitzt, kann man ganz einfach den neuen Ubuntu One Music Store benutzen und direkt aus dem Audio-Player Rhythmbox Musik kaufen. Bei erstigem öffnen des Stores bietet Rhythmbox an, den MP3-Codec von Fluendo zu installieren, denn Ubuntu liefert aus lizenzrechtlichen Gründen selten Multimedia-Codecs. Aber sie lassen sich schnell und einfach über jede Anwendung heraus in das System integrieren. So lädt auch der Video-Player Totem die passenden Codecs herunter und installiert sie, wenn eine Datei in einem ihm unbekannten Format geöffnet wird.
Im Musik-Store von Canonical, welcher mit 7digital zusammen arbeitet, finden sich derzeit über 4 Millionen Titel zur Auswahl. Ein Track ist schon ab 99 Cent erhältlich, anchdem er u.a. über Paypal bezahlt wurde. Gesucht werden kann nach Interpreten, Titeln und Alben. Falls das passende Stück gefunden wurde, kann der Kunde ca. 30 Sekunden in ihn reinhören. Bei einem Kauf werden dann alle titel automatisch in der Ubuntu-One-Cloud gespeichert und auf alle Computer gespiegelt, die mit dem selben Account bei Ubuntu One angemeldet sind.
Wie man es aus der Vergangenheit her kennt bringt die Live-CD für jeden Aufgabenbereich ein Programm mit, welche nach Ansicht von Canonical die besten dafür sind. Leider fiel dieser Vorgehensweise Gimp zum Opfer, das dem Bildverwalter F-Spot, mit nur wenig Bildbearbeitungsfunktionen, weichen musste. zum Glück lässt sich Gimp aber problemlos aus den Reposities nachinstallieren.
Gnome ist mit der Version 2.30, KDE mit der Version 4.4.2 present. Als Browser ist bei Ubuntu Firefox 3.6.3, für die Büroarbeit ist OpenOffice 3.2 mit dabei. Zum Brennen von CDs und DVDs ist die Software Brasero vertreten. Zum Einscannen von Bildern und Dokumenten steht eine neue Software namens “Simple Scan” bereit. Ein weiteres neues Programm ist die übersichtliche Video-Bearbeitungs-Software Pitivi.
Falls man Lust auf mehr hat oder einem die vorhandenen programme nicht zufrieden stellen, kann man Software, wie z.B. Thunderbird 3, aus den Online-Repositories der Distribution wahlweise über das neu gestaltete Software Center oder die Paketverwaltung Synaptic nachladen. Das Software Center scheint sich in die Richtung App Store zu entwickeln, denn im Abschnitt “Canonical-Partner” ist Software wie der Adobe Reader, das Flash-Plug-In, das ERP-System Openbravo und Multimedia-Codecs zu finden. Für kostenpflichtige Software müsste dieser Abschnitt nur noch um eine Bezahlfunktion erweitert werden.
Der Server-Version liegt das Programm Eucalyptus 1.6.2 bei, mit dem sich eine private, Amazon-EC2-kompatible Cloud verwirklichen und kontrollieren lässt. Als Virtualisierer wird jetzt KVM benutzt, welches Live-Migration von virtuellen Maschinen unterstützt. Auch vorhanden ist die Server-Grundausstattung von Samba über MySQL und Tomcat bis hin zu Nagios.
Grundaufbau des Systems
Tief im Inneren von Ubuntu 10.04 ist der Kernel 2.6.32, X.org 7.4 und der X-Server 1.7 verbaut. Damit wird jetzt auch 3D-Beschleunigung bei Radeon-Grafikkarten der Serie 2000, 3000 und 4000 von der Distribution unterstützt. Für alle Nvidia-Fans ist erstmals bei Ubuntu der Nouveau-Treiber mit an Bord, der allerdings keine 3D-Beschleunigung kennt. Wenn man allerdings versucht die 3D-Desktop-Effekte zu aktivieren, wenn man über Nvidia-Grafik verfügt, dann sucht der Einrichtungsdialog automatisch in den Repositories nach dem proprietären Herstellertreiber, der dann direkt installiert werden kann. Proprietäre Treiber können auch, nach wie vor, im Treiber-Installationsassistenten gefunden werden.
Die Hardwareunterstützung von Ubuntu überzeugt voll und ganz. Die Autoerkennung erkannte stets die höchstmögliche Auflösung für Nvidia- und AMD-Grafikkarten. Auf einem Test-System mit einem Core i5-750 erkannte die Distribution von der Soundkarte bis zum WLAN alles und auch andere Systeme mit anderen Prozessoren, wie z.B. einem Phenom 2 und dessen Grafikchipsatz kam Ubuntu klar.
Ubuntu 10.04 startet auch auf älteren Systemen flüssig und schnell. So brauchte z.B. ein älteres Notebook mit IntelMobile-Celeron-Prozessor nur 25 Sekunden, bevor man sich anmelden konnte. Auf aktuellen Computern dauerte der Boot-Vorgang grade mal 15 Sekunden. Zu Grunde lag die in Version 9.10 eingeführte Umstellung des Boot-Prozesses auf Upstart.
Fazit: Sowohl benutzerfreundliche, als auch stabile LTS-Version von Ubuntu. Das geänderte Design und die somit anders positionierten Fenster-Buttons führen oft zu falschen Klicks, wenn man ein Windows- oder Linux-User ist. Auch die Änderung, dass Gimp durch das funktionsärmere F-Spot ersetzt worden ist, gefällt nicht. Allerdings lässt sich beides mit wenig Aufwand ändern und somit die bei den Vorgängern bereits vorhandene Atmosphäre wiederherstellen.